Sunday, October 18, 2009


Badiche Zeitung

13. Oktober 2009

"Schon ein Aufkleber reicht für eine Inhaftierung"

OFFENBURG. 1963 kam Migmar Raith, 53, mit 150 anderen Kindern in die Schweiz und wurde dort adoptiert. Heute engagiert sich der gebürtige Tibeter mit Schweizer Pass für seine alte Heimat. Der Basler Lehrer ist im Vorstand der Gesellschaft Schweiz Tibetischer Freundschaft (GSTF) und gehört zu den Organisatoren der Pro-Tibet-Radtour "Cycling for Tibet – Zeit zum Handeln", die gestern früh in Offenburg Station machte. Mit Migmar Raith sprach Pascal Cames.

Migmar Raith. | Foto: Cames

BZ: Wie groß ist die tibetische Gemeinde in der Schweiz?
Raith:
In Europa sind wir die größte Gemeinde, nur in Kanada und in den USA leben mehr Menschen aus Tibet. Um die 4000 Menschen aus Tibet leben hier, die Hälfte davon ist in den vier Tibet-Vereinen organisiert.
BZ:
Warum radeln Sie die 400 Kilometer nach Frankfurt?
Raith:
In Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden 20 000 Unterschriften für eine Tibet-Petition gesammelt, und die möchten wir in Frankfurt auf der Buchmesse der chinesischen Delegation überreichen. Auch möchten wir auf unseren Stationen in Basel, Freiburg, Offenburg, Karlsruhe, Darmstadt und Frankfurt Menschen treffen, die sich in Tibet-Initiativen engagieren.
BZ:
Was erhoffen Sie sich in Frankfurt?
Raith:
Auf jeden Fall ein großes Echo. Wir rechnen damit, dass wir von Roland
Koch und/oder der Oberbürgermeisterin Petra Roth empfangen werden. Bislang haben wir auf allen Stationen die Bürgermeister getroffen, wie hier in Offenburg auch. Der Dalai Lama war schon zwei Mal in dieser Stadt, wie der hiesige Bürgermeister Dieter Eckert erzählte.

BZ: Werden Sie vom chinesischen Geheimdienst beobachtet?
Raith:
Generell und immer. Vor allem wenn wir vor chinesischen Botschaften und Konsulaten sind, werden wir gefilmt. Die Videos werden nach China geschickt.
BZ:
Dürften Sie nach China einreisen?
Raith:
Da ich Schweizer Staatsbürger bin, ja. Aber allen anderen kann man das
nicht empfehlen. Eine kleine tibetische Flagge als Aufkleber oder ein kleiner Free-Tibet Sticker reichen schon aus für eine Inhaftierung.
BZ:
Sehen Sie die Tour als einen Erfolg?
Raith:
Auf jeden Fall ja. Eine Radtour ist eine sympathische Art, um auf unser Anliegen aufmerksam zu machen. Das schafft Sympathie. Für die 20 Radler stärkt es das Gemeinschaftsgefühl.
BZ:
Sie fahren zur Buchmesse. Haben Sie einen Buchtipp für uns?
Raith:
Ich würde die Autobiographie des Dalai Lama empfehlen sowie von Klemens Ludwig "Tibet", das sehr gut über die Geschichte, das Volk und die Geographie berichtet. Vom gleichen Autor gibt es auch ein Buch über den Vielvölkerstaat China. Auch das Schicksal der Mongolen und Uiguren sollte man in China nicht vergessen.

Autor: cam